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Jahrhundertealter Brauch: Laurentiusbrot
Großes Unheil war vor 336 Jahren über das Dorf Herxheim gekommen. Die Pest wütete im Dorf und raffte die Bewohner dahin. Zur Seuche gesellte sich der Hunger. Beide Geißeln peinigten gemeinsam die Einwohnerschaft. Der Ort war vom Aussterben bedroht. Die Menschen wussten sich gegen das seuchenhafte Massensterben nicht zu helfen, da sie die Ursache der verheerenden Seuche nicht kannten. Gegen die Pestilenz war kein Kraut gewachsen.
Zumindest gegen den Hunger erfuhren die Herxheimer tätige Nachbarschaftshilfe, obwohl ihr Dorf unter Quarantäne gestellt war. Wegen der Ansteckungsgefahr durfte den Ort niemand verlassen und von außen niemand betreten. Die Lebensmittelvorräte gingen aus. Die Hilferufe der hungernden Herxheimer erreichten über die Gemarkungsgrenzen die kurpfälzischen Nachbarn im Norden. Vor allem die
Ottersheimer leisteten Hilfe. An der Banngrenze in der Gewanne "Finsterfeld" stellten sie Körbe mit Brot und sonstigen Lebensmitteln ab, die die Herxheimer dann abholten. Durch diese Hilfsaktion wurde die Not der leidgeprüften Herxheimer erheblich gelindert. Die Pest aber grassierte ungebrochen fort und forderte weiterhin ihre Opfer. Gehöfte waren menschenleer, ein ganzer Straßenzug war ausgestorben. In ihrer hilflosen und trostlosen Lage, in der sie menschliche Hilfe gegen die Seuche nicht erwarten konnten, flehten sie zum Himmel: "Wenn uns noch einer helfen kann, dann bist Du es, Herr." Der Allmächtige wurde den vom Tod Bedrohten zur letzten Hoffnung: bei ihm suchten sie Hilfe für ihr körperliches Heil. Zur Errettung aus ihrer Not gaben sie Gott dieses Versprechen: "Wenn Hunger und Pest ein Ende nehmen wollen wir für ewige Zeiten jedes Jahr nach der Ernte das Erstlingsbrot weihen lassen und davon einen Zweispanner-Wagen zum "Finsterloch"
fahren und es dort an unsere Wohltäter verteilen". Bald darauf endete die schreckliche Seuche. Die überlebenden Herxheimer waren überzeugt, dass ihr Gelübde erhört worden war und der Allmächtige sie vor dem Pesttod bewahrt hatte. Getreu und dankbar erfüllten sie alljährlich ihr in Hungersnot und Todesangst gemachtes Versprechen. Das Brot, das sie als Dankes- und Segensgabe ihren Wohltätern schenkten, nannten die Herxheimer "Laurentiusbrot" in Anlehnung an die Vita des heiligen Laurentius, der im dritten Jahrhundert in Rom Brot an die Armen verteilt hat und der der zweite Herxheimer Kirchenpatron ist. Was den Ahnen der heutigen Herxheimer die Hungershilfe nach Ortsnachbarn bedeutete, kann man daran ermessen, dass sie sich nicht mit gewöhnlichem Brot revanchierten. In ihrer großen Dankbarkeit zeigten sie nach damaligen Lebensverhältnissen Großmut gegenüber ihren Nothelfern, die sich ihrerseits angesichts
möglicher Ansteckungsgefahr als hochherzig und selbstlos erwiesen haben. Geweihtes Erstlingsbrot versprachen und gaben die Herxheimer zum Dank. Erstlingsbrot spielte früher im Leben der Landbevölkerung eine bedeutsame Rolle; Wenn die Kornvorräte einmal nicht bis zur neuen Ernte ausreichten, so war dieses gleichbedeutend mit einer Hungersnot. Das erste Brot aus der neuen Ernte haben die Menschen früherer Zeiten daher oft sehnsuchtsvoll erwartet, war dann doch der Hunger wieder gebannt und wieder Brot zum Essen da. Dieses wertvolle Gut sollten die Wohltäter geweiht und in Fülle erhalten, auf dass es ihnen, nach dem Wunsch und Willen der Geretteten, an Leib und Seele zum Segen gereichen möge. Bis auf den heutigen Tag stehen die Herxheimer zu dem Gelöbnis ihrer Vorfahren. In feierlicher Form vollziehen sie immer wieder das Brotgelübde ihrer Ahnen aus schwerer Zeit. Die katholische Pfarrgemeinde gedenkt auch heuer wieder dieses
unvergessliche Ereignis der Pestjahre 1666/67. Der denkwürdige Festtag wird immer am Sonntag nach dem Namenstag des heiligen Laurentius (10. August) begangen. Am diesem Sonntag wird der "Brotwagen" frühmorgens auf unseren Kirchberg aufgestellt. Traditionsbewusst bringen die Herxheimer ihrer Brotspende zum Wagen. Bis zum Ende des Hochamtes ist der Wagen dann mit Brot gefüllt. Nach dem Gottesdienst weiht der Ortspfarrer in einer feierlichen Zeremonie, der Laurentiusbrotweihe, das Brot unter stattlicher Anteilnahme der Bevölkerung. Um 12:00 Uhr mittags setzt sich dann unter dem Klang der großen Glocke der mit Brot vollbeladene Wagen, gezogen von zwei Pferden, in Bewegung und fährt hinaus ins "Finsterfeld" zur Ottersheimer Gemarkungsgrenze. Dort wird das Fuhrwerk von den Nachkommen der Wohltäter aus den nördlichen Nachbarorten Ottersheim, Knittelsheim, Offenbach und Bellheim erwartet, um das geweihte Brot als Dankes- und Segensgabe
entgegenzunehmen. Helfer des Deutschen Roten Kreuzes und der Feuerwehr Herxheim verteilen das Brot an die Menschen. Wie viel den Herxheimer diese Tradition tatsächlich bedeutet, ist unschwer daran zu erkennen, dass weder Not- noch Kriegsjahre und auch nicht die Wohlstandszeiten den Brauch im Laufe der Jahrhunderte einschlafen zu lassen. |
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| Hermann Rieder |
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